
Polarlichter
Chormusik aus Skandinavien
Werke von Edvard Grieg, Ola Gjeilo, Mårten Jansson, Kim André Arnesen und anderen
17.10. Sinsheim, Ev. Stadtkirche
18.10. Angelbachtal, Kath. Kirche Heilig Kreuz
Annika Glasbrenner, Sopran
Concerto Camerata
Vokalensemble Sinsheim
Leitung: Carmen Schrötel
Annika Glasbrenner, Sopran
Aus dem Programmheft von Erwin Schaffer
Musik aus Skandinavien ist angesagt.
Chöre und Orchester mit ihren musikalischen Leitern oder Managern schauen seit einigen Jahren verstärkt nach Kompositionen aus Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark und auch nach anderen an die nordischen Meere grenzenden Ländern. Vielen dürfte hier der Este Arvo Pärt ein Begriff sein. Kompositionen von ihm waren bereits in der Vergangenheit auch mehrmals Bestandteile von Vokalensemble-Programmen.
Carmen Schrötel lässt nun insbesondere Musik aus Norwegen und Schweden erklingen: die Komponisten Ola Gjeilo, Kim André Arnesen, Morten Jansson und Edvard Grieg sind dabei in erster Linie zu nennen.
Warum aber blicken so viele musikalisch gesehen in den Norden?
Was die Popmusik betrifft haben Bands und Künstler wie Roxette (Schweden), A-ha (Norwegen), Sunrise Avenue (Finnland), Björk (Island) oder Lukas Graham (Dänemark) eine wichtige Rolle bei der großen Beliebtheit von Musik aus dem Norden Europas gespielt und das Interesse der Musikwelt auf den Norden gerichtet.
In der sogenannten klassischen Musik stehen dafür Jean Sibelius (Finnland), Hugo Alvfén (Schweden), Carl Nielsen (Dänemark) und wie gesagt Edvard Grieg (Norwegen).
Zum einen mag es daran liegen, dass eine gewisse Sättigung von „üblichen“ und mehr oder weniger gewohnten Klängen ausgemacht werden kann. Das soll keinesfalls die Qualität der in den Konzerten dargebotenen Literatur bezweifeln. Aber wer einmal nordische Kompositionen gehört hat, der ist eben auch schnell eingenommen von dieser Art des Komponierens und des Klanges.
Nicht selten kann man dabei von Klanglandschaften sprechen. Und das gilt in besonderem Maße für die vokale Musik. Verantwortlich dafür sind minimalistisch anmutende Kompositionsweisen, die zum Beispiel Dur- und Molltonarten vermeiden und sich auf mittelalterliche modale Leitern beziehen. Sie ergeben diesen schwebenden, „nicht zielgerichteten“ Klang, der ansonsten in der Klassik mit dem Schreiten von Leittönen zu Grundtönen prägend ist. Jetzt dagegen kommen oftmals große Akkordflächen zum Tragen. Assoziationen mit der Weite der Landschaft und Natur des Nordens sind dabei naheliegend. Nicht zu vergessen sind auch oftmals Rückgriffe auf die Volksmusik des jeweiligen Landes.
Ebenso lassen langgezogene Melodielinien an die unendlichen Weiten der Wälder und der Seen denken. Wenig oder kein Vibrato bei der Stimmgebung erzeugen dabei einen sehr klaren, geraden und hellen Ton, der eine sphärische bis mystische Vorstellung hervorruft: ein Gegensatz zum Ideal der klassischen europäischen Chöre, die eher mit reichlich Vibrato einen „warmen“, großen und allumfangenden Klang erzeugen.
Carmen Schrötel hat mit ihrer Werkauswahl ein breites Spektrum der nordischen Musik zusammengestellt.
So steht Janssons Missa Popularis auf den Füßen der Volksmusik mit ihren typischen Melodien und Rhythmen. Langgezogene Melodielinien sind prägend in Gjeilos Northern Lights. In seinem Ubi Caritas sind modale Tonleitern Bestandteil der Komposition. Arnesens Even when he is silent lassen an Klanglandschaften denken. Die Holberg-Suite von Grieg schlägt die Brücke zur europäischen klassischen Musik. Der Sommarpsalm ist Volkslied pur. Stay on these Roads von den Norwegern A-ha mit einem Ausflug in Popgefilde und O nata lux vom britischen Orgel-Shootingstar Anna Lapwood (hier eine a-cappella-Komposition) runden das Programm ab.
Kulturelle Vorstellungen
Mit diesem Konzertprogramm weitet das Vokalensemble Sinsheim die Grenzen der musikalischen Vorstellungswelt. Der Chor blickt hier zum wiederholten Male von der Heimat aus in die Ferne, er beweist seine Weltoffenheit, und es geht dabei gerade auch darum, den Kulturbegriff zu erweitern. Es heißt konkret, sich mit der Kultur anderer Länder, fremder Menschen, anderer Wertvorstellungen, unterschiedlicher Lebensmöglichkeiten zu beschäftigen oder zumindest sich kulturellen Identitäten anzunähern und sie wertzuschätzen.
Die Kultur (in diesem Fall als Ausdruck musikalischer Kunst), mit der man sich umgibt, prägt den Menschen oder auch: sie verändert den Menschen. So birgt die Beschäftigung mit nordischer Musik zum einen die Möglichkeit, seinen intellektuellen Horizont zu erweitern. Zum anderen wird aber auch ein emotionaler Zugang zu Musik, Land und Leuten gefördert. Durch Emphase und Mitgefühl werden Wertvorstellungen, die andere Kulturen prägen, auf einer ganz anderen Ebene wahrgenommen, als nur auf einer „intellektuell berechnenden“. Das kommt beiden Seiten zugute. Es verändert den Menschen zum positiven, zum verständnisvollen, zum toleranten, zu demjenigen, der andere Überzeugungen, Religionen oder Lebensweisen gelten lässt, auch wenn man diese selbst nicht teilt. Den Weg dorthin weist (unter anderem) die Musik.
Ein Besuch in Mainz
Das Staatstheater liegt am Domplatz und hier lässt es sich vortrefflich in einem der freundlichen Cafés einen Cappuccino genießen, zumal zu zweit. Nicht zu übersehen ist dabei der große Schriftzug am Theaterbalkon: …denn die Kunst ist eine Tochter der Freiheit (Schiller).
Dass ein Straßenmusiker zudem auf meinen Wunsch hin den Song spielte (Stay on these Roads) der auch im Konzertprogramm enthalten ist, machte den Besuch nahezu perfekt.
Nicht allzu weit entfernt davon aber begegnete ich dem ganz in blau gehaltenem Infomaterial einer politischen Partei, deren Parteiprogramm ausführlich zur Kultur Stellung bezieht. Und dort ist eindeutig formuliert, wie der Kulturbegriff eingeengt und in ganz bestimmter, einschränkender Position definiert werden soll. Die Veränderung der Kulturlandschaft wird als eines der wichtigsten politischen Ziele verstanden. Gleichzeitig sind konkrete Bestrebungen angekündigt, wie dieses umzusetzen sei.
Kunst wird dabei in deutsche und „antideutsche Kunst“ unterteilt. Staatlich gefördert werden soll Kunst nur dann, wenn sie zur deutschen „Identitätsfindung“ beiträgt. Nur nach dieser Prämisse würden Zuschüsse verteilt, bzw. gestrichen. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk? Ade! Theater- und Konzertprogramme? Zensur! Das würde natürlich auch die Programme der kleinen Vereine wie z.B. des Vokalensembles Sinsheim betreffen. Der Blick in die internationale Musik- und Kunstszene, ins „Ausland“, mit der Würdigung ihrer Wertigkeit und die gegenseitige Wertschätzung über Grenzen hinweg würde wegfallen.
Der Deutsche Musikrat äußert sich hier eindeutig: „Die Musiktraditionen in ihrer Vielfalt ermöglichen kulturelle und ästhetische Bildung, Integration, transkulturelle Prozesse und Gemeinsamkeit. Gerade das gemeinsame Musizieren sowie das Erleben von Konzerten und Festen über die Grenzen von Religion, Herkunft und Generationen hinweg schaffen Austausch und Resonanz, die den gesellschaftlichen Zusammenhang stärken.“
Deshalb, aber nicht nur deswegen, sind die oben genannten Bestrebungen dieser Partei entschieden abzulehnen. Sie wären das Ende unserer Demokratie und unserer errungenen freiheitlichen Lebensformen. Noch einmal Schiller:
„…denn die Kunst ist eine Tochter der Freiheit, und von der Nothwendigkeit der Geister, nicht von der Nothdurft der Materie will sie ihre Vorschrift empfangen.“
Literatur
Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen - Zweiter Brief, 1795
Gabriele von Arnim: Abschied leben, 2026, Seite 131-135
Matthias Brandt: NEIN SAGEN, Kiepenheuer & Witsch, 2026, Seite 12-15
Wie klingt unsere Demokratie? – Herausgeber: Deutscher Musikrat, verlegt bei Schott, Mainz 2026 Zitat S. 65
Wahlprogramm AfD u.a. Kapitel 7
Das steckt hinter der „patriotischen Kulturpolitik“ der AfD
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