Aus dem Programmheft

„Ubi caritas et amor, Deus ibi est.“

Wo Güte ist und Liebe, da ist Gott.
Wenn das stimmt, dann stärken Güte und Liebe nicht nur unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, sondern schaffen auch eine Verbindung zu Gott.
Und wenn wir Güte und Liebe in die Welt tragen, bringen wir so auch Gott zu den Menschen.
„Caritas et amor“, Güte und Liebe sind Werte, die in vielen Kulturen und Religionen geschätzt werden.
Unabhängig von unserem Glauben, unserer Herkunft oder unserem Lebensweg können wir uns auf diese gemeinsamen Werte konzentrieren,
um eine bessere Welt zu schaffen.
Wie gut wäre es also, wenn wir uns daran erinnern: Moslems, Juden, Christen, wir glauben an den einen Gott, der die Liebe ist.
Wir glauben an den einen Gott, der will, dass wir einander in Liebe und Güte begegnen.

Christiane Glöckner-Lang,
Dekanin des Evangelischen Kirchenbezirks Kraichgau

****************

Das Requiem c-Moll ZWV 45 von Jan Dismas Zelenka und wie es dazu kam

„Ich finde, dass er [Zelenka] generell zu kurz kommt, weil er ein fantastischer Komponist ist, sehr einfallsreich, sehr individuell, ein fantastischer Meister des Materials. Er war am sächsischen Hof in Dresden tätig, wo er im Schatten der Hofkomponisten stand. Erst war das Heinichen, später Hasse - allerdings, wenn ich die Kompositionen Zelenkas mit diesen beiden Komponisten vergleiche, steht Zelenka auf einem ganz anderen Level.“

(Peter Dijkstra, Künstlerischer Leiter des Chores des Bayerischen Rundfunks)

Der böhmische Barockkomponist wurde 1679 im Dorf Launowitz in Tschechien geboren. Seine musikalische Karriere führte ihn von Prag bis nach Dresden, wo er 1745 starb.

Sein Name ist der allgemeinen Musikwelt deshalb weniger bekannt, da er bei Kurfürst August II. offiziell „nur“ das Amt des „Hof- und Kirchencompositeurs“ innehatte und nicht das des Hofkapellmeisters. Ungeachtet seiner kompositorischen Leistungen wurde er bei der Besetzung übergangen und das Amt einem Jüngeren übertragen (Johann Adolf Hasse).

Seit einigen Jahren erleben seine Kompositionen eine Renaissance und finden vielfache Beachtung in der Musikwelt. So widmeten sich insbesondre der Marburger Bachchor sowie der Berner Kammerchor in zurückliegenden Jahren den Vokalwerken des Böhmen. Zu nennen ist vor allem auch der Schweizer Oboist, Komponist und Dirigent Heinz Holliger, der dem Zelenka-Revival Impulse gab.

Auf der Suche nach einer Requiemvertonung, die nicht zum üblichen Kanon der Konzerte in der Novemberzeit gehört, stieß ich auf die Liste der Messvertonungen von Zelenka und auf sein Requiem c-Moll.
Dass das Werk dabei nicht im Verlagswesen erhältlich ist, hielt mich im Herbst 2022 nicht davon ab, nachzuforschen, ob Aufführungsmaterial anderweitig zu beschaffen wäre.
Über den Marburger Bachchor gelang das nicht, immerhin waren aber 3 andere Quellen vorhanden. Die eine ist im Portal imslp zu finden, die andere ist eine handschriftliche Abschrift des Manuskriptes auf YouTube aus der Zeit Zelenkas. Beide Fassungen verwenden aber alte nicht mehr gebräuchliche Notenschlüssel und sind, was die Orgelstimme betrifft, nicht ausnotiert.

Erst die Kontaktaufnahme zum Berner Kammerchor brachte den Glauben an die Machbarkeit des Projektes zurück. Esther Inäbnit, Musikerin und Sängerin im Chor, hatte ebenfalls begonnen, das Requiem in eine modern lesbare, aufführungsreife Fassung zu bringen. Mein Hinweis auf die imslp-Vorlage brachte sie einen Schritt weiter und mit dem Programm Sibelius konnten alte in neue Schlüssel gewandelt werden. Zudem gab es bereits handschriftliche Vorlagen aus den 80er Jahren von Verleger und Dirigent Jörg Dähler. So lag es an mir, einen Klavierauszug (mit Hilfe des Programms musecore) in digitaler und damit druckfähiger Fassung zu erstellen, um damit Chören die Erarbeitung der Komposition zu ermöglichen.

Lange Rede, kurzer Sinn: erstmals liegt eine Ausgabe des Requiems in moderner Fassung vor.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass die Quellen zum Teil Widersprüchlichkeiten enthalten und es oblag mir, die Quellen eines gründlichen Redigierens zu unterziehen. Notenabschnitte mussten auf ihre musikalische Logik geprüft, augenscheinliche Abschreibfehler korrigiert werden. So musste auch entschieden werden, ob harmonische Gerüste und Wendungen bewusst der Alten Musik verpflichtet waren (Verwendung von Querstand, Tritonus) oder doch die Tonsprache der fortgeschrittenen Barockmusik anzuwenden sei. Letzteres hat sich durchgesetzt, nicht zuletzt aus folgenden Gründen.

Zum einen ist Zelenka Musik auffällig unabhängig von musikalischen Vorbildern, zum anderen besaß Johann Sebastian Bach Abschriften von Werken Zelenkas, was darauf schließen lässt, dass er dessen Kompositionen schätze. Zelenkas Stil mit hochexpressiven Momenten in meisterhafter Kontrapunktik mag ihn beeindruckt und an den Charakter und die Klangvorstellungen seiner eigenen Musik in den dramaturgischen Momenten erinnert haben.

Der Musikwissenschaftlers Wolfgang Reich zählt im Zelenka-Werkverzeichnis vier Requiemvertonungen; die Komposition c-Moll ist mit der Nr. 45 versehen.
Es soll dabei nicht außer Acht gelassen werden, dass es Theorien gibt, die die Autorenschaft von Zelenka anzweifeln und die in erster Linie auf der Tatsache beruhen, dass das Autograph nicht vorliegt. Das mag damit zu tun haben, dass Zelenkas Werke nicht nur in seiner größten Wirkungszeit in Dresden, sondern auch in den früheren Jahren seiner Prager Zeit komponiert und aufbewahrt wurden. Auch ist anzunehmen, dass das Requiem nicht als ursprünglich geschlossenes Ganzes komponiert wurde, sondern (wie damals durchaus üblich) Teile aus eigenen anderen Werken Verwendung fanden.
Dafür spricht eine im Requiem vorhandene unterschiedliche, ja gegensätzlich zu nennende Stilistik auf der einen Seite und eine Instrumentation, die nicht homogen durchgehalten ist, auf der anderen. Ferner ist die Frage nicht geklärt, warum Zelenka Teile aus dem Messordinarium hier nicht eingefügt hat. So fehlen Teile der Sequenz und des Offertoriums.

Wie dem auch sei, wir haben es hier mit einem signifikanten und bedeutenden Beitrag der böhmischen Barockmusik zu tun, deren Schätze es weiter zu heben und zu würdigen gilt.
Und Jan Dismas Zelenka scheint dabei auch endlich einen gebührenden Platz zu finden, der ihn als einen der größten und bedeutendsten Komponisten der späteren Barockzeit ausweist.

Erwin Schaffer

***************

Der norwegische Pianist und Komponist Ola Gjeilo (*1978) ist einer der Sterne am skandinavischen Musikhimmel.

Als Absolvent der Norwegischen Musikhochschule in Oslo und dem Royal College of Music in London ging er 2001 an die New Yorker Juilliard School. Nach dieser Ausbildung zum Komponisten, die er im Jahr 2006 mit einem Diplom abschloss, verfasste er in erster Linie Chorwerke, Stücke für Blasorchester sowie Klaviermusik. Er schreibt Musik, die von KlassikJazz, Volks- und Popmusik beeinflusst ist. Typisch für Gjeilos Chorwerke sind dichte Klangteppiche aus mehrstimmigen Clustern und lange geschichtete Akkorde mit langen Vorhalten oder Überhalten einzelner Stimmen. Bei begleiteten Werken finden sich teilweise schnelle repetierende Muster in den Instrumentalstimmen. Er verwendet häufig Texte aus der lateinischen Kirchenmusiktradition für seine Kompositionen.

Seine Musik hat einen unverwechselbaren „sphärischen“ Klang mit dem man leicht Licht und Weite assoziieren kann. Sie mag beim ersten Hören klischeehaft und illustrativ wirken, sie ist aber individuell genau durchdacht und durch dynamische Prinzipien immer zielorientiert.
Ola Gjeilo lebt in New York.

Erwin Schaffer/wikipedia

***************

Ein Requiem und seine Deutung

Das kirchliche Requiem konzentriert sich besonders auf den Glauben an ein Jenseits und die Bitte um Erlösung für die Verstorbenen. Viele musikalische Requien haben jedoch auch eine universellere Bedeutung, die über konfessionelle Grenzen hinausgeht. Sie drücken nicht nur Trauer aus, sondern auch Hoffnung und spenden Trost. (Ein Deutsches Requiem von Johannes Brahms, Requiem op. 48 von Gabriel Fauré, u.a.)

Mit dem Tod ist das Leben vorbei und außer den Erinnerungen und Gedanken an die Zurückgebliebenen und den von ihnen hinterlassenen und real fasslichen Dingen bleibt nichts. Und doch ist etwas nicht „verloren“.

Der mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani schreibt: „Schon wenn du einatmest, bist du verbunden mit der ganzen Welt. Jedes Mal, wenn du ausatmest, nimmt die Welt Anteil an dir.“ (In: „Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen“. – dtv, 2023) Und weiter, „[…] dass sich bei jedem Atemzug die Weltseele, also das, was alle Geschöpfe miteinander verbindet, mit der einzelnen Seele vermischt.“
(Auch alle Hochkulturen kennen die Bedeutung des Atems, und der „Odem“ wird in Verbindung zu Geist und Seele gebracht oder ist sogar als deckungsgleich zu begreifen.)

So geht jeder Atemzug, den man tut, über in eine universale, die Welt umspannende Hülle und man nimmt gleichzeitig einen Teil dieses allumfassenden Raumes in sich auf. Jedes Lebewesen, also auch jedes Tier, jede Pflanze, und jedweder Organismus trägt zu diesem Kosmos bei. Jeder Mensch hinterlässt allein mit seinem Atem eine „unsichtbare“ Spur, kein Mensch hat also „umsonst“ gelebt. Alles ist noch da, aufgehoben im Universum und in der Schöpfung und umgibt die Hinterbliebenen auch nach dem Tod ihrer Angehörigen.
Wer einen Menschen bei den letzten Atemzügen begleitet hat, mag etwas von diesem Mysterium gespürt und begriffen haben.

Die Mythologie kennt in diesem Zusammenhang die Allegorie des Phönix, des Vogels, der am Ende seines Lebens verbrennt, aber aus der Asche neu ersteht. Aus der Asche, die von der Atmosphäre aufgenommen wurde und deshalb nicht einfach abhandengekommen ist. Der Gedanke, dass etwas Verstorbenes nicht „verschwunden“, sondern in anderer transzendierter Form noch vorhanden ist und uns umgibt, dies bedeutet auch einen ungemeinen Trost, bedeutet Treue (treu aus dem Althochdeutschen und indogermanischen Wortstamm). Etwas bleibt „treu“ bei uns, bei den Zurückgebliebenen.

Und weiter weist der Trost im weiteren Sinne des Wortes (nämlich: seelischer Halt und Ermutigung) auch auf eine zuversichtliche innerliche Ausrichtung des zu bewältigenden eigenen Lebens hin. Was nichts Anderes bedeutet, dass der Mensch sich optimistisch hoffend in Bezug auf die Zeitlichkeit seiner Existenz verhält. Und aus einer emotionalen Gesinnung wird Gewissheit: dass mit der unausweichlichen Endlichkeit nicht alles verloren gegangen, sondern alles in Raum und Zeit aufgehoben ist. Bei denen, die von uns gegangen sind und bei uns selbst, die wir ihnen nachfolgen.

Dass darüber hinaus Trost zu spenden, Hoffnung zu geben denen, die Leid tragen, auch eine Frucht von Güte und Liebe ist, sei hier festgehalten.

Somit will unser Zelenka-Requiem nicht nur als Totenmesse gelesen werden. Es will vielmehr ein Zeichen sein, dass ein Anfang zwar einmal ins Ende übergeht, aber ein Ende, dass auch den Kern des Lichtes trägt, des Hellen, der Wiedergeburt, des Trostes und der Hoffnung.

Erwin Schaffer